Konfirmanden beschäftigten sich mit dem Geschehen am 9. November 1938 und leisteten einen Beitrag bei der Andacht in der evangelischen Kirche.

Mittwoch, 14. November 2018

Gedenkstunde Reichspogromnacht

Zur Gedenkstunde „80 Jahre Reichspogromnacht in Brühl“ hatten Kirchengemeinden und politische Gemeinde in den Ortskern eingeladen, wo diese „dunklen Stunden unserer Geschichte“, wie es Bürgermeister Dr. Ralf Göck formulierte, geschehen waren.

In der voll besetzten evangelischen Kirche sprachen 16 Konfirmandinnen und Konfirmanden über jene Nacht vom 9. auf den 10. November, die für alle jüdischen Deutschen ein einziger Albtraum war. Sie sind froh, nicht in der damaligen Zeit gelebt zu haben, aber in Trauer darüber, was passierte. Sie meinten, „dass die Menschen aus ihren Fehlern lernen müssen, damit diese in unserer heutigen Zeit nicht wieder passieren.“ Pfarrerin Almut Hundhausen-Hübsch machte klar, dass es vieles nur schwarz auf weiß gebe. „Aber Papier ist geduldig. Was bleiben muss, muss auch in die Herzen geschrieben werden“, spricht sie zu den rund 60 Menschen, die zum Gedenken in die Kirche gekommen waren. Pfarrer Erwin Bertsch unterstrich, dass der Albtraum die Menschen bis heute beschäftige: „Über die Generationen hinweg hat sich diese Schuld der Deutschen vererbt und ist für die jungen Menschen heute noch immer spürbar.“

Auch hier in Brühl gab es zwei jüdische Familien, berichtete Bürgermeister Dr. Ralf Göck vor dem Rathaus: „Der beliebte Arzt Dr. Rennert erkannte früh, wie sich die politische Situation in Deutschland entwickelte und wanderte noch 1933 aus.“ Hier geblieben sei die Familie Jakob Rhein, die gegenüber dem Rathaus ihr Geschäft hatte. Jakob Rhein war übrigens auch Feuerwehrmann in Brühl und sehr beliebt. Bei seinem frühen Tod 1934 gaben ihm seine Kameraden das Geleit bis auf den Schwetzinger Judenfriedhof. Passend dazu war auch die Brühler Feuerwehr beim Gedenken vertreten.

 

Rheins Frau, deren Schwester und deren Tochter, also Frieda, Lena und Martha Rhein führten das Lebensmittelgeschäft weiter und mussten am 9. November das schreckliche Geschehen erleben, ihr Geschäft wurde schon morgens geplündert und ihre Habe auf der Hauptstraße vor dem Rathaus angezündet. Ihr Lebenswerk war zerstört, sie mussten ihr Haus billig verkaufen, sie zogen weg. Ihre Leben endeten später in Treblinka und Auschwitz, in den dortigen Gaskammern. In der Schrift „Gegen das Vergessen“, die von Reimer Schölermann für die Gemeinde Brühl 2013 verfasste Broschüre, beschreibt diese und weitere Leidenswege Brühler Bürger in der Nazi-Zeit. Das Heft ist an der Rathauspforte erhältlich.

„Die Täter hier in Brühl wie an anderen Orten seien Mitglieder der NSDAP sowie von SA und SS, den beiden politischen Kampftruppen der Nazi-Partei. Sie kamen mehr oder weniger aus allen Schichten der Gesellschaft“, so Göck und weiter: „Nur wenige Deutsche, nur einige Aufrechte und Mutige standen ihren bedrängten jüdischen Nachbarn bei. Die meisten sahen weg und schwiegen. Das war in seiner Wirkung fatal. Denn, wie der englische Politiker Edmund Burke einmal konstatierte: „Damit das Böse triumphieren kann, ist es nur nötig, dass die Guten nichts dagegen tun.“

Es gelte immer und überall „unsere Werte zu schützen und zu verteidigen. Wir verstehen uns als eine Gesellschaft, in der alle Menschen, unabhängig von ihrer Konfession und ihrer Herkunft frei und sicher leben, ihren Glauben praktizieren und ihre Überzeugungen vertreten können. Wir stehen ein für eine Gesellschaft, die die Rechte und die Würde eines jeden Menschen achtet“, leitete der Bürgermeister über zu stillem Gedenken.

Gut besucht war die Gedenkstunde vor dem Brühler Rathaus

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